Lean Construction und agiles Projektmanagement im Bauwesen: Erfahrungen aus der Riedbahn-Sanierung
Lean Construction und agiles Projektmanagement gewinnen auch im Bauwesen zunehmend an Bedeutung. Wie beide Ansätze in einem der größten Infrastrukturprojekte Deutschlands erfolgreich kombiniert wurden, zeigte Annette Beierl von Drees & Sommer beim fünften Projektmanagement-Meetup anhand der Generalsanierung der Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim.

Was ist Lean Construction?
Lean Construction überträgt die Prinzipien des Lean Managements auf Bauprojekte. Ziel ist es, Verschwendung konsequent zu vermeiden, Prozesse zu vereinfachen und den Informationsfluss zwischen allen Projektbeteiligten zu verbessern.
Dabei stehen unter anderem folgende Grundsätze im Mittelpunkt:
- unnötige Wartezeiten reduzieren
- Entscheidungen schneller treffen
- Gewerke besser koordinieren
- Transparenz schaffen
- kontinuierliche Verbesserung fördern
Im Gegensatz zu klassischen Bauprojekten werden Probleme möglichst früh erkannt und gemeinsam gelöst, anstatt sie erst am Ende eines Bauabschnitts sichtbar werden zu lassen.
Die Riedbahn als Praxisbeispiel für Lean Construction
Beim fünften Projektmanagement-Meetup berichtete Annette Beierl, Teamleiterin bei Drees & Sommer, über die Generalsanierung der Riedbahn. Das Projekt wurde mit dem Lean Construction Project Award des German Lean Construction Institute ausgezeichnet und gilt inzwischen als Vorbild für zahlreiche weitere Streckensanierungen der Deutschen Bahn.
Ursprünglich war lediglich die Erneuerung eines Stellwerks geplant. Im Jahr 2021 entschied sich die Deutsche Bahn jedoch für einen völlig neuen Ansatz: Statt viele kleine Einzelmaßnahmen über Jahre hinweg umzusetzen, sollte die gesamte Strecke während einer fünfmonatigen Vollsperrung umfassend modernisiert werden.
Aus einem Standardprojekt entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit eines der größten Infrastrukturprojekte Deutschlands.
Lean Construction in der Projektsteuerung
Ein zentraler Erfolgsfaktor war die konsequente Reduzierung von Verschwendung.
Besprechungen wurden deutlich verkürzt und Live-Protokolle sorgten dafür, dass Entscheidungen sofort dokumentiert und umgesetzt werden konnten. Anstatt Informationen nacheinander einzuholen, kamen alle relevanten Beteiligten gemeinsam an einen Tisch. Dadurch ließen sich Abstimmungen erheblich beschleunigen.
Auch bei der Projektsteuerung setzte das Team auf einfache Lösungen. Statt hochkomplexer Spezialsoftware wurden unter anderem Excel und Jira genutzt. Gerade bei mehr als 1.900 Projektbeteiligten erwies sich diese Einfachheit als großer Vorteil, weil nahezu alle Beteiligten die Werkzeuge bereits kannten.
Agiles Projektmanagement auf der Baustelle
Während Lean Construction vor allem Prozesse optimiert, sorgt agiles Projektmanagement dafür, flexibel auf unvorhersehbare Ereignisse reagieren zu können.
Auf einer Baustelle gehören Wetterbedingungen, unerwartete Leitungen im Erdreich oder kurzfristige Änderungen der Bauabläufe zum Alltag. Das Projektteam musste deshalb regelmäßig Prioritäten anpassen und Entscheidungen innerhalb kürzester Zeit treffen.
Statt alle Entscheidungen zentral über die Projektleitung laufen zu lassen, wurden Verantwortlichkeiten auf mehrere Bauabschnitte verteilt. Dadurch konnten Probleme direkt vor Ort gelöst werden, ohne lange Freigabeprozesse abzuwarten.

Vertrauen als Erfolgsfaktor
Ein wesentlicher Bestandteil des Projekts war die gelebte Vertrauenskultur.
Entscheidungen wurden gemeinsam mit den ausführenden Unternehmen getroffen. Fehler wurden nicht als Versagen betrachtet, sondern als Bestandteil eines komplexen Projekts. Gerade bei einem eng getakteten Bauablauf war eine schnelle Entscheidung häufig wertvoller als eine perfekte Entscheidung, die zu spät getroffen wurde.
Auch die Motivation der Mitarbeitenden spielte eine wichtige Rolle. Kleine Maßnahmen wie gemeinsame Veranstaltungen oder regelmäßige Gespräche auf der Baustelle stärkten den Zusammenhalt und trugen wesentlich zum Projekterfolg bei.
Lean Construction bedeutet nicht Verzicht auf Planung
Oft wird Lean Construction mit Improvisation verwechselt. Das Gegenteil ist der Fall.
Die Generalsanierung der Riedbahn erforderte eine äußerst detaillierte Planung. Allein für das Projekt mussten über 500 Planpakete freigegeben und zwischen 15.000 und 20.000 Inbetriebnahmedokumente erstellt werden.
Gleichzeitig blieb genügend Flexibilität erhalten, um auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren zu können. Diese Kombination aus strukturierter Planung und situativer Anpassungsfähigkeit machte den Erfolg des Projekts aus.
Hybrides Projektmanagement als Zukunftsmodell
Das Projekt zeigte deutlich, dass sich klassische und agile Methoden nicht ausschließen.
Während Termine, Genehmigungen und Budgets weiterhin klassisch gesteuert wurden, kamen Lean-Prinzipien und agile Arbeitsweisen überall dort zum Einsatz, wo Zusammenarbeit, Kommunikation und schnelle Entscheidungen gefragt waren.
Gerade bei großen Infrastrukturprojekten entsteht so ein hybrides Projektmanagement, das Stabilität und Flexibilität sinnvoll miteinander verbindet.
Drei Erkenntnisse für Projektmanager
Aus der Generalsanierung der Riedbahn lassen sich drei wichtige Lehren ableiten:
- Menschen stehen im Mittelpunkt. Persönlicher Austausch schafft Vertrauen und verbessert die Zusammenarbeit.
- Eine saubere Projektvorbereitung spart später Zeit. Klare Rollen, Verantwortlichkeiten und Strukturen zahlen sich während der gesamten Projektlaufzeit aus.
- Lean Construction ist vor allem eine Frage der Kultur. Transparenz, kontinuierliche Verbesserung und kurze Entscheidungswege sind wichtiger als der Einsatz spezieller Software.

Fazit
Die Generalsanierung der Riedbahn zeigt eindrucksvoll, dass Lean Construction im Bauwesen weit mehr ist als ein theoretisches Konzept. Durch die Verbindung von Lean-Prinzipien, agilem Projektmanagement und einer offenen Führungskultur konnte eines der größten Infrastrukturprojekte Deutschlands erfolgreich umgesetzt werden.
Für Projektmanager bedeutet das: Wer Verschwendung reduziert, Verantwortung sinnvoll verteilt und auf vertrauensvolle Zusammenarbeit setzt, schafft die Grundlage für erfolgreichere Bauprojekte, unabhängig davon, ob es sich um ein Infrastrukturprojekt oder ein klassisches Hochbauvorhaben handelt.
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